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Frage:
Günter Neuwirth, du hast heuer mit dem Krimi "Paulis Pub" als Autor debütiert. Zum Anfang des Interviews eine allgemeine Frage. Wie bist du überhaupt zum Schreiben gekommen?
Neuwirth:
Das Schreiben begeleitet mich schon den Großteil meines Lebens. Ich bin wie ein typischer Leopoldstädter Gassenbub aufgewachsen, in einem sogenannten bildungsfernen sozialen Umfeld. Da gab's die normalen Raufereien auf der Gasse, ein paar kleine Sachbeschädigungen, Probleme mit den weitgehend überforderten Lehrern. Mein Kumpel Sascha hat mir ein gebrauchtes Sciencefiction-Taschenbuch in die Hand gedrückt. Wir waren damals dreizehn Jahre alt. Das war eine Art Initiationserlebnis, ab da habe ich die Taschenbücher kiloweise weggepackt und nur knapp danach meine ersten Romane selbst zu schreiben begonnen. Ich bin also seit meinem vierzehnten Lebensjahr Autor. Diese ersten Romane waren akribisch konzipiert, aber blieben allesamt sprachlich unbeholfene Fragmente. Ich war ja bis zum Beginn meiner Literaturleidenschaft praktisch Analphabet.
Frage:
Du schreibst seit du vierzehn warst, wieso kommt dann erst jetzt das Debüt heraus? Du bist immerhin über vierzig. Was hast du in der Zwischenzeit gemacht?
Neuwirth:
Gelebt, geliebt, gearbeitet. Paulis Pub ist nicht mein erster fertiger Roman, ich schreibe gerade am dritten Teil der Trilogie Hoffmanns Fälle, das ist insgesamt mein achter Roman. Meine Schubladen sind voll. So präzise und hartnäckig ich meine Romane plane, so miserabel plane ich meine Karriere, wohl weil mir das soziale Phänomen Karriere insgesamt sehr suspekt ist. Natürlich habe ich früher mal Texte an Verlage geschickt, aber das war vollkommen erfolglos. Der Josef Winkler hat seinen unreifen tausendseitigen Erstling an den Suhrkamp-Verlag geschickt und den Lottosechser gewonnen, ich habe meinen unreifen tausendseitigen Erstling an den Heyne Verlag geschickt und vom Verlag in Rekordzeit das Manuskript samt Formelbrief zurückerhalten.
Frage:
Ein tausendseitiger Erstling? Wirst du den Roman publizieren?
Neuwirth:
Natürlich, irgendwann schon. Es ist zwar ein utopischer Roman und die deutschsprachige Literaturwelt hat große Probleme mit deutschsprachiger, episch breit angelegter utopischer Literatur, aber der Roman ist toll. Zumindest ich finde mein Jugendwerk toll.
Frage:
Kommen wir zu Paulis Pub. Der Krimi ist sehr spannend, beinhaltet dichte Milieustudien, ist politisch durchaus explosiv, er ist handwerklich sehr solide, aber nicht sehr innovativ.
Neuwirth:
Ich kenne das Gebot der Innovation im literarischen Diskurs, habe seinerzeit auch bei Wendelin Schimdt-Dengler Vorlesungen frequentiert. Wenn ich mit meiner expressiven Lyrik, die in gar nicht kleiner Menge auch in meinen Schubladen liegt, debütiert hätte, wäre ich dann innovativ, avantgardistisch, poetisch? Ich kann und will das nicht beantworten. Ich gehe durchs Leben und produziere praktisch pausenlos literarische Ideen, die sich manchmal zu Romanen, manchmal zu Lyrik verdichten, manchmal einfach wieder verschwinden. Eine dieser Ideen führte mich zum diesem Krimi, und da ich einen Hang zu breiter Epik habe, ist diese Idee schnell ziemlich umfangreich geworden. Aber aus Selbstdisziplin und weil ich das romantisch finde, habe ich aus dem fetten Brocken eine Trilogie gemacht.
Frage:
Hoffmanns Fälle, deren erster Teil Paulis Pub ist, bleibt also eine Trilogie. Wird da nicht, wenn sich der Erfolg einstellt, eine lange Serie daraus, wie bei Donna Leon und anderen Krimiautoren?
Neuwirth:
Was ist Erfolg? Wenn die Medien den Roman hochjubeln, wenn sich der Roman gut verkauft, wenn ich den richtigen Satz im richtigen Moment zu Papier bringe? Ich kann nicht vom Schreiben leben und werde es vielleicht nie können. Manche verreißen den Roman, manche loben ihn. Ich habe den Riesenvorteil, also Autor nicht früh entdeckt worden zu sein. Ich bin ein gefestigter Mensch, stehe mitten im Leben, trage Verantwortung für mich und andere. Und in einem Kleinverlag zu veröffentlichen, hat auch gewisse Vorteile. Etwa persönliche Kontakte und Bindungen, spürbare kreative Energien, Unabhängigkeit von den Entscheidungen rein auf Profit abzielender Vertriebsleute. Jetzt habe ich etwas weit ausgeholt, aber dadurch will ich sagen: kein Marketingexperte kann mir sagen, mach noch einen Hoffmann-Krimi, weil die sich gut verkaufen, weil bis die Marketingexperten auf den Krimi als Handelsgut aufmerksam werden - falls das jemals passiert-, werde ich literarisch vielleicht schon ganz wo anders sein.
Frage:
Wo wirst du literarisch sein?
Neuwirth:
Na, schauen wir mal. Ich bin kein selbstbezüglicher Autor, also das Schreiben über das Schreiben kann ich nicht. Ich bin ein Geschichtenerzähler, scheue nicht die epische Breite, scheue nicht die Volksnähe, scheue nicht die Spannung, genauso wenig verheimliche ich meinen Zorn, meine Reflexionen, meine utopischen Visionen, meine Verbitterung über eine miese Welt wie diese. Ich bin ein politischer und moralischer Autor, auch wenn ich dadurch zum Gespött der intellektuellen Zyniker werde, ich bin ein Fantast und Träumer, ein Realist und Analytiker, einer der das Gute im Menschen erkennt, aber weiß, dass nicht das Böse, sondern das Dumme die Welt fest im Griff hält. Tja, was literarisch daraus werden wird, weiß ich nicht.
Frage:
Deine Bücher sind in der Edition Buche erschienen, ein neuer Literaturverlag?
Neuwirth:
Eine Gruppe von kreativen Köpfen hat sich zusammengetan, um Bücher zu machen. Diese Bücher werden mit Leidenschaft gemacht. Aber die Edition Buche ist kein Autorenverlag im engeren Sinn, es werden auch andere Autorinnen und Autoren verlegt. Der Kleinverlag beginnt sich am Buchmarkt zu vernetzen, er arbeitet mit renommierten Auslieferern zusammen.
Es macht Spaß, in so einem Verlag tätig zu sein! Mit Leuten zusammenzuarbeiten, denen wirklich noch die Bücher am Herzen liegen und die sich nicht nur am Markt und am Profit orientieren.
Frage:
Ich danke für das Interview.
Neuwirth:
Bitte.
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